Die Mütter sind nervöser als die Musiker

„Sonst muss mich meine Mutter oft auffordern, aber vor dem Wettbewerb habe ich jeden Tag freiwillig geübt“. Mit entwaffnender Offenheit spricht Lene Müller über den inneren Schweinehund, der auch bei talentierten jungen Musikern das tägliche Üben lästig werden lässt.

Für den Regionalwettbewerb „Jugend musiziert“ brauchte die Elfjährige allerdings keine Ermunterung. Die tägliche Übungsstunde war der Schülerin aus Ehringshausen wichtig.
225 Nachwuchsmusiker nahmen an der Regionalausscheidung in den Räumen des Instituts für Musikwissenschaften der Justus-Liebig-Universität Gießen teil. In verschiedenen Kategorien, unterteilt nach Alter und Instrument, zeigten die Kinder und Jugendlichen aus ganz Mittelhessen vor den fachkundigen Jurys, was sie an den Musikschulen der Region an Fähigkeiten erworben hatten.

Lene Müller trat zusammen mit Stephen Bay in der Kategorie Streicher-Ensemble, gleiche Instrumente, Altersgruppe II an. Stephen Bay stammt aus Südafrika und lebt seit zwei Jahren in Hüttenberg. Den ersten Cellounterricht bekam der zwölfjährige Stephen mit sechs Jahren in Russland. Nach zwei Jahren zog die Familie zurück nach Südafrika, wo Stephen sich weiter am Cello übte. Inzwischen lernt der junge Musiker an der Musikschule Wetzlar, wo er zusammen mit Lene Müller die Celloklasse von David McDonald besucht.

Vor dem großen Tag im musikwissenschaftlichen Institut hatte McDonald über zwei Monate jeden Samstag ehrenamtlich mit seinen beiden Schülern geprobt. Dabei studierte das Duo das „Adagio“ aus dem „Divertimento 1“ von Giacomo Cervetto und das „Allegro risoluto“ aus dem „Duett Nr. 6“ von Sebastian Lee ein. Am Wettbewerbssonntag reisten die beiden jungen Cellisten mit ihren Müttern an. Beim Einspielen zusammen mit McDonald wirkten die Mütter aufgeregter und nervöser als die Künstler, und diesen Eindruck hatte man bei allen der rund hundert Eltern, die gespannt in den Fluren des Instituts auf den Auftritt ihrer Sprösslinge warteten. Lene und Stephen durften vorlegen, standen sie doch als Erste auf dem Programm.

Nach dem Einspielen schritten sie in Begleitung ihrer Mütter und dem Lehrer McDonald in den Raum neun, in dem die Jury wartete. Pünktlich um 11.30 Uhr legten beide los. Ambitioniert und gefühlvoll war ihr Vortrag, während McDonalds Gesicht Zufriedenheit signalisierte. Für das Duo und die Begleiter folgte nun eine Zeit des Wartens, ehe die Jury ihr Urteil verkündete. Und siehe da: Lene und Stephen belegten Platz eins in ihrer Kategorie in der Altersgruppe II. So hatte sich das Üben ausgezahlt. Für die besten der jungen Musiker folgen nun die Wettbewerbe auf Landes- und Bundesebene. Die Weiterleitung erfahren allerdings nicht alle Sieger. Erst ab einer bestimmten Punktwertung der Jury kommen die Talente weiter.

Wetzlarer Neue Zeitung, 01.02.2011