Poetische Klanggemälde
„Twelve Strings“ bei den Gitarrentagen

Zarte Klänge, gut durchhörbare melodische Linien, stets zum angeregten Träumen und zum Takt-Mitklopfen – das ist die Musik der „Twelve Strings“, des Berliner Gitarrenduos Thomas Glatzer und Matthias Wiesenhütter, die wieder in Wetzlar waren, um das Eröffnungskonzert der Internationalen Gitarrentage zu bestreiten. Gut 80 Zuhörer folgten im Konzertsaal der Musikschule mit gespitzten Ohren und höchster Konzentration.

Glatzer spickte die Übergänge zwischen den Titeln mit kurzen, launigen Anmerkungen in „Berliner Schnauze“ oder hohem Understatement, was nun folgen würde. Die meisten Titel haben ihr Wurzeln in der Improvisation, ob nun der eine Gitarrist ein akkordisches Schema als Unterbau für weitgespannte Linien seines Partners vorgibt (wie schon im Intro) oder ob ein bestimmter Akkord (in gebrochener Weise) die Keimzelle der weiteren Entwicklung darstellt. Manche Titel erweckten auch ohne ihre Namensnennung Anklänge an den Süden, Erinnerungen an Mexico, andalusische Tänze, südamerikanisches Flair, Tango und Bolero. Im „Song of Fall“ (Klang des Herbsts) entstand vor den Ohren der Zuhörer eine Nieselregen, der in beschleunigter Bewegung zum Sturm wurde. Die Aufgabenverteilung war meist so, dass Glatzer den harmonischen Unterbau lieferte und Wiesenhütter sich darüber entfalten konnte.

Die über 20-jährige Zusammenarbeit der beiden Musiker zahlte sich gerade an den rhythmischen vertrackten Passagen aus, mit denen einige Titel gewürzt waren („Dieses Stück ist aus unserer Frühzeit zur intellektuellen Herausforderung des Publikums“). Ob zügige Tempi (trotz des Titels „slow motion“), ob ein aus südamerikanischen Erinnerungen gespeister Tango -  die Saitenartisten vergaßen über aller Virtuosität niemals die Poesie dieser beiden Instrumente – ein gelungener Abend.


Wetzlarer Neue Zeitung, 09.11.2010