„Wühlen Sie im Fußgedächtnis“

Maxi Puhlmann leitet Tanzkurs „55plus“ in der Wetzlarer Musikschule


„Man bewundert das Ding in seiner Schönheit, aber jetzt muss es gleich sofort noch einen Schritt machen. Es ist wie Schluckauf, sehen Sie“. Die zierliche Frau hickst laut in die Runde, vollführt dabei einen eleganten Hopser und  schreitet zwei Schritte nach vorn, wo sie dann noch einmal hicksend hopst, um daraufhin wieder zurückzuschreiten,

Die weite, quietsch-grüne Trainingshose und das rosa Schlabbershirt mit den aufgedruckten bunten Figuren können kaum von der Grazie ihrer Bewegungen ablenken. Eines ist klar: Maxi Puhlmann ist eine Tänzerin von der Sohle bis zur Nasenspitze, auch wenn ihre Kleidung und die Angewohnheit, sich selbst etwa auf die Schippe zu nehmen, sie nicht gleich als solche verraten. Mit dem „Ding“ meint die Tanzlehrerin übrigens das Bein ihrer über 55 Jahre alten Kursteilnehmer, die gerade im Begriff sind, Schritte des barocken Tanzes „Gavotte“ zu erlernen – was sich als eine kniffelige Angelegenheit entpuppt. Der vorgetäuschte  Schluckauf soll helfen, den richtigen Einsatz in den ungewohnten Takt zu finden, den einige Teilnehmer bereits vergeblich seit mehreren Minuten suchen.

Trotzdem gibt es keinen Grund für schlechte Laune. Mit kecken Sprüchen, flotten Schritten und großem tanzgeschichtlichem Wissensschatz gestaltet die ausgebildete Tanzlehrerin den freitäglichen Kurs „55plus“ an der Musikschule Wetzlar abwechslungsreich und locker. „Wühlen Sie ein bisschen in Ihrem Fußgedächtnis, eigentlich ist uns dieser Tanz schon bekannt. Aber seien Sie vorsichtig mit diesem preußischen Hackenschlag“, witzelt die ehemalige Berlinerin. Und tatsächlich: Kurz darauf gelingt es den sechs Senioren, eine klein Choreographie barocker Art aufs Parkett zu legen. Spaß gemacht hat es ihnen zwar, doch helle Begeisterung sieht anders aus, sind sie doch hier, um sich ein wenig abzureagieren und „etwas gegen den Rost zu unternehmen“, wie der einzige Mann in der Runde, Rainer Mühlbayer, betont. „Durch das Barocke muss man durch. Das Gemischte ist schon schön, doch ich habe lieber etwas Flotteres“, meine Marlies Kunz (61). Aber das sollte ja auch erst der Anfang sein.

Flottes kommt noch. „Menschen waren immer bemüht, feste Schritte für einen Tanz zu finden“, doziert Puhlmann abschließend zum Barock, „doch jetzt wollen wir es mit einem Tango ohne festgelegte Tanzschritte probieren. Ganz so, wie er anfangs wirklich getanzt wurde. Er verbindet Weites und Privates, Pause und Fluss, wie in der Natur“. Mit dem Einsetzen der Musik fügt sie verschmitzt lächelnd hinzu: „Außerdem galt das enge Tanzen beim Tango unter Europäern als unanständig, deswegen tanzte es auch die Jugend so gern“. Das hat gereicht, um ihre Schüler vollends einzustimmen.

Die ersten tango-typischen Violinklänge ertönen, leidenschaftlich, melancholisch. Einige schließen kurz die Augen und wiegen sich anfangs zaghaft zur Musik. Es braucht nicht lange, bis vor allem die Frauen Mut zur Bewegung fassen. Jede nimmt auf ihre Weise ihre Arme zur Hilfe, um dem Tanz Ausdruck zu verleihen. Sie werden geschmeidig vom Körper weggestreckt, stilechte Kreuzschritte werden gewagt, die Augen sind nun nicht mehr Richtung Füße, sondern nur geradeaus gewandt. Immer selbstbewusster tanzen die Kursteilnehmer mal für sich allein oder kurz zusammen. Tangopartner, Schrittrichtungen, Schrittschnelligkeit und selbst der Gesichtsausdruck wechseln von sichtbarer Verzückung über gespielte Ernsthaftigkeit bis hin zum verträumten Lächeln. Sich wieder jung zu fühlen, scheint keine Schwierigkeit zu sein.

Auch Maxi Puhlmann lässt ihren Körper die Musik ausdrücken. Als sie unmittelbar danach die Melodie des bekannten „O Donna Clara“ einspielt, setzt bei den musikbegeisterten Anwesenden helle Freude ein. Ganz besonders entzückt ist Renate Schwandt (65), die jedes Wort zur Begeisterung ihrer Mittänzer mitträllert und dabei übers Parkett schwebt. Sie schätzt es, dass Maxi Puhlmann mit den verschiedenen Musikrichtungen das Rhythmusgefühl ihrer Schützlinge fördert, zudem fühle sie sich an ihre Vergangenheit erinnert. So tauschen die Frauen Anekdoten über damals getragene Frisuren und Modesünden aus, als sie Puhlmann in einer Pause über die Zeit des Charleston bis hin zu
Rock´n Roll und Boogie informiert.

Spontan ist die Lust zum Twist da. Temporeich wird auch beim Jive noch einmal alles aus den Beinen rausgeholt was geht, bis schließlich auch dem letzten tanzwütigen Senior die Puste ausgeht. Nach eineinhalb Stunden nahezu pausenlosem Tanzen fühlen sich die fünf Damen und der Herr vollkommen entspannt und absolut begeistert von ihrer Kursleiterin, die es jedes Mal schafft, alle unter einen Hut zu bringen. „Wir sind Anfänger. Wir haben keine Vorbildung, sondern nur Spaß an der Bewegung, die wir frei gestalten können, und das ist für mich sehr wichtig. Man fühlt sich hier nicht blamiert, sondern sehr gut aufgehoben“, verrät Ingrid Aurisch. Wie ihre fünf „Kollegen“, wünscht sie sich Verstärkung: Damen und Herren „mit einer gewissen Portion Lebenserfahrung“ sind in der geselligen runde in der Musikschule sehr willkommen. Termin ist jeweils freitags um 10.30 Uhr.


Wetzlarer Neue Zeitung, 23.05.2010